| Raubtiere im Staatsdienst – Das Leben der Anderen |
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| Dienstag, 08. Januar 2008 um 10:14 Uhr |
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Das Leben der Anderen ist Politthriller, historische Aufarbeitung und Lehrstück zur Aufgabe der Kunst Man kennt das Szenario aus dem Naturfilm: Wir bekommen zunächst die Stärke und Grausamkeit der Raubtiere vorgeführt. Sie sind dabei, die Überreste ihres letzten Opfers zu zerreißen und gehen untereinander nicht gerade sanft miteinander um. Dann Schnitt zu den noch unbekümmert weidenden oder badenden Beutetieren. Sie sind schön anzusehen, tollen herum und liebkosen sich. Vor allen Dingen aber sind sie ahnungslos, während wir Zuschauer die Bedrohung in ihrer Übermacht und unaufhaltsamen Konsequenz bereits vor Augen haben. Die Spannung steigert sich durch ein dramatisches Wechselspiel. Aufnahmen aus der Jägerperspektive (versteckt hinter hohem Gras oder aus der Luft), Schleichen, Lauern. Dann wieder die weidenden Tiere, die je nach Windlage die Jäger erschnuppern oder aber sich in ihrer Ahnungslosigkeit geradewegs auf die Gefahr hin zu bewegen. Irgendwann gehen die Raubtiere zum offenen Angriff über. Eine Gegenwehr scheint für die Beute fast aussichtslos und die Flucht mindestens ebenso gefährlich.
Diese archetypische Situation vom unschuldig Gejagten findet sich ebenso in unzähligen Spielfilmen besonders im Genre der Politthriller wieder. Zu diesen kann man den deutschen Film Das Leben der Anderen zählen, auch wenn dessen Handlung stärker als genreüblich einer historischen Wirklichkeit verpflichtet ist. Im Unterschied zu beispielsweise den Verfilmungen von John Grishams Romanen Die Firma oder Das Kartell oder auch anders als bei den Klassiker des Genres Drei Tage des Condors oder Hitchcocks North by Northwest geht es in Das Leben der Anderen nicht um den erwähnten Angriff und die folgende Jagd. Gezeigt und untersucht wird dagegen das vorhergehende Lauern, in diesem Fall die Überwachung durch die Staatssicherheit der DDR. Dabei sind wir nicht allwissender Zuschauer sondern gezwungen, selber sehr genau hinsehen. Das Gesicht des ›Raubtiers‹, Ulrich Mühe als Stasi-Hauptmann Wiesler, verrät nichts außer einer fortwährenden Anspannung. Nur nach und nach erhaschen wir winzige Gefühlsregungen. Wir werden so Zeuge einer, im Tierreich undenkbaren (und vermutlich auch bei den Menschen seltenen) Entwicklung: Angesichts des Zynismus seiner Vorgesetzten versteht der idealistische Stasi-Mönch, dass seine Jagd nicht den Idealen des Sozialismus dient sondern persönlichem Lust- und Machtgewinn.
Unter dem zunehmenden Druck der Stasi verändert sich parallel zu Wieslers allmählicher Wandlung auch das Verhalten der ›Beutetiere‹. Der Berliner Kreis von Künstlern und Intellektuellen um den Dramatiker Georg Dreymann (Sebastian Koch) scheint sich zwischen harmlosen Provokationen und Auftragskunst mit den Machthabern eingerichtet zu haben. Jedoch schon bald wird die aufgesetzte Ausgelassenheit gestört. Dreymanns Frau, die, von Psychopharmaka abhängige, schöne Schauspielerin Christa-Maria (Martina Gedeck) droht der verführerischen Macht des Alpharaubtiers, Minister Hempf (Thomas Thieme) zu erliegen. Der Theaterregisseur Jerska (Volkmar Kleinert) leidet unter Arbeitsverbot und Zensur und begeht Selbstmord. Theaterschriftsteller Dreymann selber scheint Wieslers unermüdlicher Bespitzelung zunächst überhaupt nicht würdig. Er wirkt angepasst und eitel. Erst unter dem Eindruck von Jerskas Freitod und der Zwangslage seiner Frau erwacht seine Zivilcourage, die wiederum Wiesler dazu zwingt zu entscheiden, zu wessen Gunsten er von seinem Beobachtungsposten aus zuschlagen soll.
Die Gegensätzlichkeit des Künstlers Dreymann und des bürokratischen Spitzels Wiesler gibt den Schlüssel zu einer weiterführenden Interpretation des Films. Es geht vor dem Hintergrund der historischen DDR-Wirklichkeit um die gesellschaftliche Aufgabe der Kunst und die persönlichen Anforderungen an den Künstler. Die fleißigen Beobachtungen von Wiesler, das verständnisvolle Mitleid von Dreymann und der Mut der beiden sind die drei Säulen einer freiheitlichen Kunst zu der man Das Leben der Anderen mit gutem Grund zählen kann. Neben einer genauen Rekonstruktion des perfiden Machtmissbrauchs in der ehemaligen DDR ermöglicht Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck uns das Privileg, mitzufühlen mit ihren Bewohnern. Die andauernde Anspannung, besagtes permanentes Belauern, bringt der Film in seiner stimmungsreichen Inszenierung gekonnt zum Ausdruck. Die Geschichte der DDR links liegen zu lassen (Doppeldeutigkeit gewollt), wird für Wessis und Ossis, dem Film sei dank, immer schwieriger. |


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