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Von guten Menschen wunderbar umgeben – Über meine Begeisterung für Facebook und ihre Grenzen Drucken E-Mail
Dienstag, 08. Juli 2008 um 10:30 Uhr

Ich liege auf dem Sofa, meinen Laptop auf dem Schoß. Ein dunkel-blauer Streifen hat sich am oberen Bildschirmrand ausgebreitet. Unter den unzähligen Menüeinträgen und Icons des Internet-Browsers schafft das ultramarine Blau Beruhigung. Ein bisschen wie am Strand, denke ich. Um mich herum sind lauter Menschen. Zumindest stehen da ihre Namen und es gibt eine Menge Fotos von echten Stränden, von Feiern und Fahrradtouren.

Ich klicke auf den Namen eines Freundes. »Is in Patagonia« so die Kurzbeschreibung seiner Situation. Ein anderer Freund verbreitet, er brauche einen Haarschnitt und zeigt dazu ein Beweisfoto. Ich könnte ihm antworten, er möge doch in den gelben Seiten nach einem Friseursalon suchen, anstatt seine Freunde mit Nichtigkeiten zu nerven. Das widerspräche jedoch dem Sinn von Social Networks. Ähnlich wie am Strand geht es unter dem blauen Facebook-Banner nicht um tiefschürfenden Meinungsaustausch. Es geht um das gute Gefühl zu wissen, dass es den anderen noch gibt, dass es ihm mehr oder weniger gut geht und vor allen Dingen, dass er einen noch nicht vergessen hat.

Facebook als ein lebendes Register der Weggefährten durchlebter Zeiten, Orte und Institutionen? So stelle ich es mir vor, als ich mich eintrage. Ich lade Freunde und Bekannte ein und werbe bei allen für das »online-Gästebuch«. Hinter meiner Begeisterung steckt vielleicht auch eine Sehnsucht nach der Schulzeit, als alle Freunde sich untereinander kannten.  Als ich mich noch nicht entscheiden musste - gehst du heute Abend mit den Leuten vom Chor etwas trinken, fährst du zum Gilmore-Girls-Gucken in deine ehemalige WG oder bleibst du doch lieber zu hause und telefonierst? Ein Café, eine Küche oder eben eine Webseite - Hauptsache alle sind da.

 

Kurz nachdem ich mein Profil angelegt habe, stoße ich auf einen Klassenkameraden aus der Grundschule. Da er noch immer in der Stadt lebt, wo sich die Schule befand und befindet, kostet es mich wenige Klicks und Zeilen innerhalb seiner Facebook-Freundes-sammlung und ich habe alle Gesichter der Klasse 1b wieder vor Augen. Auch das portugiesische Mädchen, dem ich gerade alphabetisiert meinen ersten Liebesbrief schrieb. Den Brief hatte ich - ganz Kavalier - ihrem Vater überreicht, auf der Terrasse seines Restaurants. Das Ausbleiben jeglicher Reaktion hatte mich damals sehr betrübt. Umso mehr überrascht es mich 20 Jahre später, dass es nur einen Tag dauert, bis mich Facebook über ihre Antwort informiert.

Aus Schüchternheit, nicht aus Abneigung habe sie mir damals nicht geantwortet. Der Brief sei ihr kürzlich beim Umziehen wieder in die Hände gefallen. (Mein Herz schlägt ein bisschen schneller)

Ihren Eltern gehe es gut, schreibt sie, nur hätte ich mich vertan. Das portugiesische Restaurant habe ihnen nie gehört und schon lange würde ihr Vater nicht mehr als Kellner dort arbeiten. Wenn ich zufällig mal in der Nähe sei, solle ich aber doch mal vorbeikommen...

 

Nicht überall stößt meine Facebook-Initiative auf Gegenliebe. Ein Freund, dem ich eine Einladung schicke, fragt ironisch, ob er auch gleich eine DNA-Probe mitschicken solle. Ein anderer rechnet mir vor, er hätte bald mehr Passwörter als Freunde und sei bereits bei StudiVZ registriert.

Spätestens als ich versuche, dem Chor für geistliche Musik, in dem ich singe, eine Facebook-Gruppe einzurichten, stelle ich fest, dass mein Traum vom weltweiten Poesie-Album nur ein Traum ist.

Meinen 34 Einladungen folgt nur ein Bass-Sänger, der seit vier Wochen nicht zu den Proben erscheint. Eine gleichaltrige Sopranistin fragt mich: wozu? Und gibt mir einen Überblick über ihren Freundes-kreis: Kollegen und Kolleginnen in der Praxis für Physiotherapie, die sich jeden Tag in der Teeküche treffen. Freunde aus dem Chor, von denen sie die meisten auch in der Messe sieht und eine Handvoll Verwandter vom Land, die jedes Jahr einmal in die Stadt kommen und einmal Gegenbesuch empfangen. Facebook könnte für sie auch eine Art Spiel sein, damit sie endlich mal lernt, wie man im Internet surft, fällt mir hinterher ein. Aber wahrscheinlich könnte sie mich dann auch im Gegenzug dazu verpflichten, mit ihr in die Messe zu gehen und Liturgie zu pauken.

 

Ich schaue wieder auf meinen Laptop und erinnere mich an den Freund, hinter dessen Name steht »Is in Patagonia«. Dann denke ich an den Freund, der einen Haarschnitt braucht. Früher besuchte ich ihn hin und wieder mit dem Zug in London.

Schließlich werde ich etwas wehmütig und denke an eine große Feier, eine Hochzeit vielleicht, zu der ich alle einladen kann. Auf einem echten Strand natürlich.