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Elementarteilchen fehlt der Kernspin Drucken E-Mail

Oskar Röhlers Literaturverfilmung bleibt hinter den Erwartungen zurück

Michael und Bruno sind Mitte 30 und, so könnte man meinen, im Leben angekommen. Bruno ( Moritz Bleibtreu ) ist Deutschlehrer, verheiratet und Vater. Sein Halbbruder Michael ( Christian Ulmen ) hat sich ganz der Wissenschaft verschrieben und verfolgt eine erfolgreiche Karriere als Genforscher.

Zufrieden sind die beiden mit dem Erreichten allerdings nicht, oder nicht mehr. Der Film beginnt damit, dass Michael seine Stelle kündigt und Bruno sich nach einem erfolglosen Verführungsversuch in psychiatrische Behandlung flüchtet. Bald wird klar: die beiden sind mehr als unzufrieden. Sie neigen zu Größenwahn und haben ein gestörtes Sexualleben, wenn auch auf unterschiedliche Weise und, um es medizinisch zu sagen, mit mehr oder weniger günstiger Prognose. Während der unterkühlte aber scharfsinnige Michael von der Entwicklung einer Fortpflanzung ohne Sex träumt, versucht der melancholische und selbstmitleidige Bruno rassistisch-erotische Südseefantasien zu veröffentlichen und sucht krampfhaft nach sexuellen Abenteuern. Kurz gesagt, Elementarteilchen ist die düstere Geschichte zweier soziopathischer Halbbrüder, die spätpubertierend ihre Jungenfantasien zu verwirklichen suchen, letztendlich aber die Liebe kennen lernen.

Vielleicht sollte man lieber die düsteren Geschichten sagen. Denn die Erlebnisse der beiden verlaufen unbeeinflusst voneinander. Nur retrospektiv erzählt der Film vom gemeinsamen familiären Hintergrund und damit von einer ähnlichen Leidensgeschichte der beiden Außenseiter. In comicmäßig überdeutlicher Weise wird in Rückblenden die Quelle des Unglücks benannt: Nina Hoss gibt eine pointierte Darstellung der Hippiedame Jane, die sich statt um ihre Söhne lieber um Kamasutra und Karma bemüht.

Spätestens mit diesen satirischen, psychedelisch eingefärbten Rückblenden offenbart der Film jedoch seine große Unentschiedenheit. Gesellschaftssatire, einfühlsame Charakterstudie oder Liebesdrama?

Produzent Bernd Eichinger hat in bekannter Manier ein Starensemble deutscher Charakterdarsteller versammelt, die sich mit Figuren und Spiel auch in diesem Film dem psychologischen Realismus verschreiben (mit Ausnahme der Hippiekarikatur von Nina Hoss). Wenn Moritz Bleibtreu nun in einer herzzerreißenden Vorstellung seine verlorene Geliebte herbeihalluziniert oder Uwe Ochsenknecht als gescheiterter Schönheitschirurg seinen Sohn um Geld anpumpen muss, interessieren uns das Einzelschicksal und der Star zehn mal mehr als die gesellschaftskritischen Fragen, die irgendwo im Hintergrund schwirren. Große Themen aus Aldous Huxleys Brave New World , die Zukunft von Sex und Liebe, die Hybris der westlichen Wissenschaft werden in Dialogen, in Vor- und Nachspann und auch in einigen quasisymbolischen Ereignissen angedeutet, jedoch von den sehr speziellen Charakteren nur begrenzt veranschaulicht. So wirkt die intellektuell-philosophische Etikettierung der Handlung eher kontraproduktiv wie ein Übermaß an special Effects bei einem Hollywood-Streifen. Es bleibt der fade Nachgeschmack erzwungenen Ekels, der am Ende als Kontrastmittel für eine plakative Huldigung traditionelle Werte herhalten muss: Liebe, Familie, Bescheidenheit.

Dem Film fehlt zur Satire die Distanz, für ein überzeugendes Charakterportrait gibt es zu viel Dramatik und märchenhafte Schicksalsschläge, für ein Drama mangelt es an Konflikten. Ein stilistisches Dilemma, das sich übrigens auch in der musikalischen und visuellen Gestaltung des Films zeigt. Oft zitierte 1970er Hits von Don MacLean, Bob Dylan und den Rolling Stones deuten auf eine film- oder kulturgeschichtliche Metaebene, die nur hier und da durchschimmert. Es dominiert ansonsten eine funktionale Fernsehfilmästhetik, befindlichkeitsorientierter Streichersound in mol und vorsichtig kühle Bilder in einem teilweise holprigen Schnitt- Gegenschnittmuster.

Unglücklicherweise lagen die Erwartungen an den Film vor dem Hintergrund von Houellebecqs berühmt-berüchtigter Literaturvorlage sehr hoch. Da die illustren Macher aber eben diese Aufmerksamkseitwelle ritten, sie sogar weiter aufgepeitscht haben, ist eine entsprechend strenge Beurteilung angebracht.

Senkt man die Messlatte auf das Niveau des durchschnittlichen deutschen Kinofilms, ragen einzelne Teile des Films dagegen durchaus heraus. Brunos schürzenjägerische Misserfolge in dem Neohippielager bilden eine spannende Gratwanderung zwischen drohender Gewalt und Absurdität. Überhaupt erzeugt Moritz Bleibtreus Bruno über weite Strecken eine interessante Mischung ambivalenter Gefühle von Mitleid bis Ekel. Auch die hochkarätig besetzten weiblichen Nebenrollen überzeugen schauspielerisch, wenn auch in bewährter Funktion: Martina Gedeck als abgründige, getriebene Hedonistin, Corinna Harfauch alias Dr. Jäger, Brunos warmherzige Therapeutin und Franka Potente als Michaels Jugendliebe Annabelle, ewig mädchenhaft und treu.

Alles in allem ein vorzügliches Ensemble, das über die losen Motive und disparaten Ansprüche des Films aber nur wenig hinwegtröstet.

Gegen Ende von Elementarteilchen schaut Annabelle anerkennend zu ihren lang-verheirateten Eltern: „Sie haben nie mehr vom Leben verlangt“. Eine bescheidene Besinnung auf ein Wesentliches hätte auch dem Film gut getan.