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Freitagabend Drucken E-Mail

Leatherlane in London

Raoul schaute auf das Straßenschild, das in einiger Entfernung an einer Hauswand hing. In der Dunkelheit konnte er ein großes »S« ausmachen, mehr nicht. Egal, dachte er. Die U-bahnstation finde ich schon. Leicht schwankend ging er weiter. Entlang an den eingezäunten Kellerlöchern der anliegenden Häuser. Er kam von seiner Diplomfeier, ohne dass ihm feierlich zumute war. War ihm auch nie gewesen. Gut, dass ich das Studium zu Ende gebracht habe, aber jetzt muss etwas Neues her. Ein Café aufmachen, oder einfach nach Indien und bei meinem Onkel arbeiten. Er wusste es noch nicht genau, aber er würde schon etwas finden.

Plötzlich merkte er, wie seine Augen einer Bewegung quer über den Bürgersteig folgten. Ein Mann kam ihm im Zickzack entgegengetorkelt. Dabei wendete er jedes Mal nur ganz knapp vor den Kellerlöchern. Raoul wollte schnell runter vom Bürgersteig, als der Mann ihm zurief: »Raoul. Wie geht's?« Es war sein Freund Carlos, den die meisten »Rabiner« nannten, weil er groß und ruhig war. Carlos umarmte Raoul herzlich. Sie tauschten ihre abendlichen Erlebnisse aus. Wegen seiner Schuhe seien sie nirgendwo rein gekommen, sagte Carlos.

»Ja. Das ist Freitagabend manchmal so«, entgegnete Raoul.
»Wir waren mal von der Schule aus, an Jannes Geburtstag, extra nach Cardiff gefahren. Ich hatte hochgekrempelte Jeans an und Janne alte Turnschuhe und damit waren wir bei den Türstehern so was wie Slayer und Marilyn Manson vor'm Buckingham Palace. Zunächst haben se uns einfach ignoriert. Dann haben wir gedacht, vielleicht hilft n' bisschen Small Talk und haben...«
»Ich weiß. Ich war doch dabei« wandte Carlos ein, konnte Raoul aber nicht stoppen.
»Stimmt. Dann im 24-Stunden-Supermarkt, wo wir nach ner neuen Hose für mich gesucht haben.«
Einige Abende fielen Raoul ein und er sprach etwa eine halbe Stunde lang. Schließlich fühlte er sich müde und sagte lachend:
»Ja. Rabbi. Ich geh mal schlafen. Bin ja jetzt kein Student mehr.«
Er hob die Hand zum Gruß, dann fiel ihm noch etwas ein:
»Ach. Ich muss mir mal deine neue Adresse aufschreiben. Dann komm ich endlich mal vorbei.«
»8A Sandwich Street. Direkt hier. Aber ich kann dich auch mal besuchen, ich arbeite nämlich jetzt auch...« Er wollte fortfahren aber Raoul fiel ihm mit einem Kalauer ins Wort.
»Und seit du da wohnst, bist du nie mehr hungrig, oder?«
»Wieso?«
»Ja. Rabbi‚ 8 a sandwich«
Carlos lachte: »Carlos ate a sandwich. Super.«
»Ciao. Rabbi«
Raoul machte im Umdrehen noch eine übertriebene Verbeugung und lief im Zickzack, Carlos Torkeln imitierend, die Straße hinunter.
Er kam zu dem Haus mit dem Straßenschild. »Ich schau doch mal.«, sagte er laut zu sich selbst und überquerte die Straße.
»Sandwich Street«, las er auf dem Schild. Ach? dachte Raoul. Hier ist also die Sandwich Street. Dann hätte ich ja bei Rabbi übernachten können. Na ja.
Etwas weiter unten entdeckte er noch ein Schild. »Wegen Geschäftsaufgabe. Schlussverkauf.« Es hing am Schaufenster eines Textilgeschäfts.

Raoul genoss die nächsten Wochen. Er ließ alles auf sich zukommen, folgte mal diesem Impuls, mal jenem, wurde von einer Party auf die nächste gestoßen und frühstückte jeden Tag drei Mal mit drei verschiedenen Freunden, manchmal auch mit neuen Bekannten, die er am Abend vorher kennen gelernt hatte. So hatte er es doch eigentlich immer gemacht und so gefiel es ihm, dachte er sich, als er an einem Nachmittag alleine Billard spielte. Wie die schwarze acht. Bis ich irgendwo ins Loch falle, das hat noch Zeit.

Wieder an einem Freitagabend ging er wieder durch Bloomsbury. Rabbi hatte ihm am Telefon von dem indischen Take-away Restaurant erzählt, wo er ab und zu jobbte. »Ich glaub, die brauchen noch jemanden«, hatte er gesagt. Das Restaurant befand sich am Ende der Sandwich Street, auf der Ecke. Von weitem leuchtete ihm ein grell orangenes Schild entgegen. Das muss es sein, dachte Raoul. Wahrscheinlich bin ich hier schon mal vorbeigekommen. Ein Haus vor dem Restaurant kam er an einem leeren Schaufenster vorbei, hinter dem noch nur noch zwei fahl blaue Vorhänge auf dem Boden lagen. Eigentlich kein schlechter Ort für ein Café, überlegte Raoul und beschloss, sich hinterher die Nummer aufzuschreiben.
Zwei ältere indische Männer saßen am Tisch neben der Toilettentür, ansonsten war niemand zu sehen, auch hinter der Theke stand niemand.
»Hey Boss!« rief Raoul jovial in die Richtung, wo er die Küche vermutete. Nach einiger Zeit humpelte ein grauhaariger Mann schwerfällig heran. Raoul lächelte und sagte ihm, dass er alles indisches Essen, Samosa, Chicken Curry, Tandoori Chicken, auf den Tod nicht leiden könne. Ja er fände es geradezu widerlich. Das müde Gesicht des alten Mannes zeigte keinerlei Regung und Raoul machte eine kurze Spannungspause und fuhr fort:
»Und deshalb wäre ich, denk ich, der beste Mann, um es loszuwerden.« Raoul schaute gespannt auf die Reaktion des alten Mannes. Aber zu seinem Erstaunen und seiner Verunsicherung lächelte der nicht einmal.
»Ähm. Ja. Jetzt mal ernsthaft. Rabbi hat mir gesagt, es wäre hier vielleicht eine Stelle als Roller-Ausfahrer frei.«
»Nein. Wir fahren unsere Sachen nicht mehr mit dem Roller aus.«
»Mhm. Ok. Wieso?«
Der alte Mann blickte einen Moment lang zu Boden und verschwand Richtung Küche. Nach kurzer Zeit kam er wieder.
»Deshalb.« Sagte der alte Mann und hielt Raoul ein zerquetschtes Metallteil vors Gesicht.
Seine zerstörten Formen erinnerten an eine Brötchentüte, die man aufgeblasen und zum Platzen gebracht hatte. Es war eine jener altmodischen Luftdruckhupen gewesen.
»Verstehe. Das tut mir leid.« Raoul stockte.
»Wahrscheinlich ist es sowieso nicht der richtige Job für mich.« Er wendete sich zum Gehen, drehte sich in der Tür aber noch mal um.
»Rabbi ist heut Abend nicht hier, oder?«
Der alte Mann blickte ihn verständnislos an.
»Wer?«
»Rabbi. Mhm. Ach ja. Ich mein Carlos.«
Der Mann musterte Raoul und schwieg eine Weile. Dann ging er zu dem Tisch der beiden Männer hinüber und sagte beiläufig, dass Carlos tatsächlich nicht da sei.

Zwei Monate später ging Raoul wieder Freitagabend durch Bloomsbury von einer Party nach Hause. Zufällig kam er wieder an dem leeren Schaufenster vorbei. Diesmal prangte jedoch ein großes »Sold!« schräg auf der Tür. Mist, dachte Raoul, vielleicht kann ich aber trotzdem nochmal... Er brach den Gedanken ab, denn sein Blick war auf das Straßenschild über dem Schaufenster gewandert. »Sandwich Street.«
Er ging zur Hausnummer 8 A und klingelte. Vielleicht ist er mal wieder früh schlafen gegangen, dachte er, als ihm niemand öffnete und verließ Bloomsbury.