| Ideal und Wirklichkeit (1929) von Kurt Tucholsky – Interpretation |
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Das Gedicht gliedert sich in drei Strophen zu je neun Zeilen, wobei die letzten drei Zeilen jeweils einen Refrain bilden:
In den Strophen wechseln sich zehn- und elfsilbige Jambuszeilen ab, die in einem Kreuzreim (ababcdced) zueinander stehen. Jeweils die neunte Zeile »C'est la vie« bzw. »Ssälawih–!« ist kürzer als die übrigen und wird durch den längeren Reimbogen besonders betont. In der ersten Strophe wird der Vorgang des Wachträumens und Wunschdenkens im Allgemeinen beschrieben.
Tucholsky macht mit diesem Anfang sofort klar, wen er ansprechen will – die breite Masse der männlichen Bevölkerung, deren Nacht still und deren Liebesleben monogam ist. Gleichzeitig liefert er auch eine Umstandsbeschreibung des Wunschdenkens. Nacht und Stille geben dem Einzelnen überhaupt erst Zeit und Ruhe, sich Wünsche auszudenken. Es heißt »denkst du dir aus« nicht »denkst du nach« oder »überlegst du«. Das heißt, es handelt sich dabei nicht um ein vernünftiges Nachdenken über Probleme des Lebens, sondern um ein kreatives Wachträumen und Einbilden. Auch schreibt Tucholsky »am Leben« nicht »im Leben« oder gar »zum Leben«. Etwas, das einem »am Leben« fehlt klingt eher nach einem wagen Zusatz, eben nach einer ausgedachten Träumerei. Dieses »sich ausdenken« führt dazu, dass »Die Nerven knistern«. Es scheint also ein durchaus lustvolles elektrisierendes Denken zu sein. Vielleicht auch, wie die nächste Zeile andeutet, nicht ohne ein gewisses masochistisches Element: »was uns, weil es nicht da ist, leise quält.«
Das Verb präparieren ist mehrdeutig. Es ist ein altmodischer Ausdruck für vorbereiten, kann aber auch im fachspezifischen Sinne – ein totes Tier präparieren –verstanden werden. Letztere Bedeutung ist für das Gedicht meiner Meinung nach ergiebiger. Denn ein Präparat ist ein treffendes Bild für eine Wunschvorstellungen und ein Ideal, die sich nie erfüllen werden. Der Vers setzt allgemeingültig und theoretisch die Kernthese des Gedichts. Die restlichen Zeilen inklusive des Refrains geben dazu praktische Beispiele. Auch in diesen Beispielen betont Tucholsky den zeitlichen Unterschied von Wunsch und Nichterfüllung des selbigen: »und nachher« »und dann« »und nun«. Dies deutet daraufhin, dass die Wünsche nicht nur Träumereien und Hirngespinste sind, wie sich vielleicht im ersten Vers noch vermuten ließe. Sie sind zumindest begleitet von einer Hoffnung auf Erfüllung, die sich nach Ablauf einer bestimmten Zeit zerschlägt. Im Refrain manifestiert sich wie in keinem anderen Teil des Gedichts der massenwirksame Anspruch Tucholskys.
Eine Frau. Das ist nach Speis, Trank und Luft zum Atmen wohl der am weitesten verbreitete Wunsch, den Männer wünschen können. Auch die Spezifizierung des Wunsches gestaltet Tucholsky so, dass sich fast jeder Leser mit ihr identifizieren könnte. Denn schon in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts forderte das allgemeine Schönheitsideal eher schlanke, große Frauen als kleine Dicke. Die letzte Zeile des Refrains ist neben einer anderen die einzige Zeile des Gedichts, die das beschriebene Phänomen kommentiert. Eine Binsenweisheit, die obwohl französisch auch in Deutschland gerne benutzt wird. Vielleicht gerade deshalb. Denn in der fremden Sprache, klingt die leere Aussage wenigstens ein bisschen elegant. »C'est la vie« wird immer dann gesagt, wenn jemand die Gründe eines bestimmten Sachverhalts nicht verstehen will oder kann. Tucholsky benutzt die Redensart jedoch nicht aus Verlegenheit. Er betont sie, wiederholt sie und verballhornt sie derart, dass der Leser sich ihrer Trivialität bewusst wird.
Im diesem dritten Vers der zweiten Strophe, bietet Tucholsky dann eine alternative Erklärung. Das Übel, was die Wünsche unerfüllt zurücklässt ist nicht »la vie« oder »lawih«, sondern der verfluchte Hang der Eile und der Fantasie. Es ist die Ungeduld, die die Menschen ihre Ideale vergessen lässt und die Fantasie, die es ihnen ermöglicht, sie nur in der Vorstellung auszuleben.
Die übrigen Beispiele an Wünschen sind ähnlich wie der des Refrains möglichst anschaulich und unpersönlich gewählt. Die große Blonde, eine helle Pfeife, das morgendliche Dauerlaufen. Sie könnten jedermanns Wünsche sein und erzeugen beim Leser eine Sympathie mit dem Autor, die Tucholsky für die politische Botschaft, des vorletzten Verses gut gebrauchen kann:
Die Weimarer Republik wurde bekanntlich von allen politischen Kräften – Rechten, Linken und Liberalen heftig kritisiert. Gewollt und errichtet worden war sie jedoch vom linken und liberalen Lager, zu dem sich Tucholsky hier, indem er die Leser nach den oben genannten Vorbereitungen geschickt mit einbezieht, bekennt.
1929 dem Entstehungsjahr des Gedichts, wurden Carl von Ossietzky, der Chefredakteur der Zeitung »Die Weltbühne«, für die auch Tucholsky schrieb, und der Journalist Walter Kreiser wegen angeblichen Landesverrats belangt (und 1931 verurteilt). Insgesamt gerieten liberale und linke Presseorgane immer mehr unter Druck und wurden vor Übergriffen aus dem rechten Lager kaum geschützt. Die Entwicklung veranlasst Tucholsky ein Jahr später seinen Wohnsitz endgültig nach Schweden zu verlegen. Insofern steckt in diesem vorletzten Vers aus zeitgenössischer Sicht die zentrale Kritik des Gedichts an der Weimarer Republik und all jenen, die sich nicht für die einstigen freiheitlichen Ideale einsetzen. Möglicherweise bezieht sich Tucholsky in diese Kritik des »Ssälawih –!« auch mit ein. Denn in den folgenden Jahren verstummt er zunehmend. 1935 nimmt er sich das Leben. Wenige Tage zuvor hatte er seine Resignation und seine verlorenen Ideale in einem Brief an den Schriftsteller Arnold Zweig beschrieben: »Mein Leben ist mir zu kostbar, mich unter einen Apfelbaum zu stellen und ihn zu bitten, Birnen zu produzieren. Ich nicht mehr. Ich habe mit diesem Land, dessen Sprache ich so wenig wie möglich spreche, nichts mehr zu schaffen. Möge es verrecken – möge es Rußland erobern – ich bin damit fertig.« Ideal und Wirklichkeitvon Kurt Tucholsky
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