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Out of Mombasa Drucken E-Mail
Straßenszene in Mombasa, 2001

Bei einem dreimonatigen Aufenthalt in Kenia verbrachte ich einige Tage in Mombasa. Die Stadt ist seit langem einer der wichtigste Hafen für ganz Ostafrika. Für die Verschiffung von Zuckerrohr, Kaffee und Fisch, als Anlaufstelle für Coca-Cola und andere westliche Produkte und als amerikanische Marine-Basis. Der internationale Handel machte Mombasa auch zu einem kulturellem Umschlagsplatz. Im einmaligen Mit- (und Gegeneinander) von indischer, arabischer, westlicher und afrikanischer Kultur gedeihen eine Unmenge von Träumen und Geschichten. Aus dieser Inspiration entstand dieses Drehbuch, auch eine Art Reisebericht, wenn man so will.

1. INT. Wellblechhütte

KEVIN (24) schläft unruhig auf einem notdürftigen Bett zwischen seinen beiden Schwestern. Er trägt ein gefälschtes Los Angeles Kings Trikot und alte Jeans. Trotz seines jungen Alters hat er das Gesicht von jemandem, der viel durchgemacht hat. Sein Vater und seine Mutter schlafen ein paar Meter weiter. Er wacht auf, einen Moment lang orientierungslos dann fährt er panisch auf und findet den Wecker neben seinem Kopfkissen. Es ist halb sechs morgens. In Panik greift er nach einem bereits gepackten Rucksack, den er unter der Decke versteckt hatte. Ohne sie zu wecken, verabschiedet er sich von seiner schlafenden Familie und rennt hinaus.


2. EXT. Slumsiedlung am Stadtrand von Mombasa

Es beginnt zu dämmern. Kevin läuft eine menschenleere Straße hinunter Richtung Osten. In einem Schrotthaufen am Straßenrand sieht er ein altes Fahrrad liegen. Er zieht es heraus, muss jedoch enttäuscht feststellen, dass der Lenker fehlt. Er will schon weitergehen, da entdeckt er ein altes Tandem. Er fährt los, kommt aber wegen des enormen Gewichts des alten Geräts nur langsam voran.

 

3. EXT. Vor einer Hütte stehen allerlei alte Möbel, die trotz Schimmel und Moder hier und da noch von vergangener Schönheit zeugen.

THADIUS (68) ist blind. Er sitzt auf einem alten Ölfass vor der Hütte und versucht eine Katze anzulocken.

 

THADIUS

Komm. Komm. Du samtpfotige Perle von Mombasssa, Du seidene Zierde siebenstöckiger Paläste...

 

KEVIN kommt quietschend im Schneckentempo auf dem Tandem vorbeigefahren. Die Katze läuft davon. Als Kevin Thadius bemerkt hält er sofort an.

 

KEVIN

Hey. Hallo. Du hast bestimmt n' bisschen Zeit.

 

THADIUS

Warum verscheuchst Du meine Everlyne?

 

KEVIN

Ich hab es verdammt eilig und... (stutzt als er merkt, dass Thadius blind ist)

 

THADIUS

Du wohnst dort oben (deutet Richtung Westen). Ich habe vor kurzem Deine Mutter getroffen. Eine gute Frau. Respekt.

 

KEVIN

Vielen Danke. Ich. (zynisch) Ich bin auch verdammt froh über sie (er kommt in Verlegenheit, muss sich schnell etwas ausdenken). Ähmm. Ich muss zu meinem Bruder ganz schnell. Meine Schwester ist krank. Mit diesem verdammten Tandem kommt man allein so langsam voran. Kannst Du mir beim Treten helfen? Setz Dich einfach hinten hin und beweg ein bisschen die Beine...

 

THADIU

(Sieht aus als würde er nicht zuhören und unterbricht Kevin.)

Du fährst einem heißen Sonnenaufgang entgegen.

Er wendet sich Richtung Osten

 

KEVIN (beschwörend)

Ist auch nur einmal kurz in die Stadt.

 

THADIUS

Ich war schon lange nicht mehr in der Stadt. (Pause) Wie komme ich zurück?

 

KEVIN

Ich bringe Dich zurück. Du musst noch nicht mal treten

 

THADIUS

Na gut. Ich sehe Du bist verzweifelt. Und Deine Mutter sicherlich auch. Ich werd treten so gut ich kann.

 

KEVIN (schmeichelnd)

Vielen Dank. (leicht ironisch) Du bist auch ein guter Mann.

Er führt Thadius zum Tandem.

 

THADIUS

Ich bin übrigens Thadius.

 

KEVIN

Kevin.

 

THADIUS

(betastet die Sättel des Tandems wie die Brüste einer Frau)

Welchen dieser Höcker soll ich denn nun besteigen. Sie scheinen beide gleichsam wohlgeformt.

 

4. EXT Auf einer großen Straße noch vor der Insel Mombasas.

Thadius und Kevin treten so schnell sie können. Kevin ist nervös und schaut ständig auf die Uhr.

 

THADIUS (gut gelaunt)

Der Wind riecht gut. Nach frischem Teer - das Parfum der Straße; männlich, unabhängig, roh. Wahrscheinlich kalfatern sie gerade einen Segler aus Lamu oder Sansibar.

 

KEVIN (genervt)

Quatsch! Das ist das Teer in den Fässern da. Die stehen schon seit zwei Jahren rum. Aber das interessiert ja kein Arsch.

 

Sie kommen an einer Moschee vorbei.

THADIUS (lauscht angestrengt)

Sssssht! Still! Hörst Du nicht wie die Frauen schlafen? Es muss ein ganze Herde sein. Vielleicht verbringen sie die Nacht vor der Hochzeit zusammen mit der Braut. Sie schlafen unruhig. Sie haben Angst vor dem Bräutigam.

Ich gebe Dir einen Rat. Wenn Du Deinen männlichen Pflichten und Freuden nachgekommen bist, widerstehe dem Schlaf noch eine Weile. Warte bis Deiner Liebsten die Augen zufallen. Denn geschlossene Augen können nicht lügen. Beobachte Ihr Gesicht, Berühre Ihren Mund, lausche ihrem Atem. Dann wirst Du genau wissen, ob sie mit dir zufrieden ist.

Bei meiner ersten Frau wusste ich davon noch nichts. Eines Nachts hat sie angefangen zu schnarchen. Einen Monat später war sie verschwunden.

 

5. EXT Kurz vor der Brücke zur Mombasa-Insel

THADIUS

Da unten direkt neben der Fähre hatten wir unsere Schreinerei. Mein Vater hat sie immer Traumschmiede genannt, weil er das in irgendeinem amerikanischen Film gehört hatte. Wir haben vor allen Dingen Betten gebaut - Ehebetten. Die Schnitzereien von meinem Vater waren berühmt von Lamu bis nach Dar es Salam. Na ja, sie wären auch in Mozambique berühmt gewesen. Aber da hat man leider nicht von ihnen gehört.

Ich liebe den Weg zur Fähre. Auf den letzten 100 Metern passieren die unglaublichsten Sachen. Es ist wie eine kleine Beschleunigung der Zeit. Ein Luftanhalten, ein Herzrasen.

Er hört auf zu treten.

Niemand möchte die Fähre verpassen.

Denn auf der Insel ist die Stadt und in der Stadt fängt alles an. Einmal sollte ich dem britischen Konsul einige Betten liefern. Ich hab also mit einem großen Wagen vor der Fähre gewartet. Neben mir stand so ein kleiner, nervöser Mann. Der hielt nach seiner Frau Ausschau.

 

Das Tandem wird langsamer als es zur Brücke hinauffährt. Ohne, dass Kevin etwas merkt steigt Thadius ab.

 

Als die Fähre angekommen ist, habe ich sie entdeckt. Besser gesagt ich hatte Schwierigkeiten sie zu übersehen. Eine große, stolze Weiblichkeit. Sie stand mitten auf der Fährrampe wie ein Affenbrotbaum in der Steppe. (Voller Elan illustriert er seine Anekdote mit einer kleinen Improvisation. Dabei hält er die Auffahrt zur Brücke für die Fährenrampe.)

Selbst als alle Wagen und Menschen die Fähre verlassen hatten, hat sie keine Anstalten gemacht sich zu bewegen.

 

Kevin merkt, dass Thadius abgestiegen ist und kommt zurück.

 

KEVIN (wütend)

Hey! Was soll das?

 

THADIUS  (unbeirrt).

Jeder hätte normalerweise versucht sich so schnell wie möglich einen Platz auf der Fähre zu sichern. Aber wir waren alle  so gebannt von der großen Frau, dass wir uns nicht von der Stelle gerührt haben. Ich hab dem kleinen Mann dann Mut zugesprochen und ihn langsam nach vorne geschoben. Er wär wahrscheinlich lieber einem tollwütigen Nilpferd begegnet. Seine Frau hat ihn auch gleich erblickt und das Gewitter ging los.

 

KEVIN  (ist von Thadius Schauspiel

kurzzeitig  fasziniert, erinnert sich dann aber an die Zeit)

Wir müssen weiter.

 

THADIUS  (ignoriert Kevin und ahmt mit

keifender hoher Stimme die wütende Frau nach)

Du mieser Lügner. Noch nicht mal meinen Brautpreis hast Du richtig gezahlt. Du verdammter Verlierer. Deine Schwester hast Du an meinen Vater verkauft. Deine elend kleine Bohnenschote würde ich nicht einmal den Hunden zum Fressen geben. Sie würden daran verhungern. Ich bleibe von jetzt an in der Stadt. Es gibt genug, die mich auf Händen tragen - die ganze Menge hat natürlich gegrölt und gelacht und alle haben den kleinen Mann erwartungsvoll angeschaut. Ja, es wurden sogar ein paar Wetten abgeschlossen.. Nun er hat sich die Hose runtergezogen, und ihr seinen nackten Arsch hingestreckt. Dann ist er davongerannt.

Wir haben uns während der Überfahrt gestritten, ob das ein Unentschieden oder ein KO war. Als wir das andere Ufer erreicht haben, war es dann klar. Denn auf der Fährrampe stand der kleine Mann. Pitschnass und außer Atem hat er seine Frau hämisch angegrinst. Wir haben lauthals gejubelt und...

 

Ein LKW nähert sich der Brückenauffahrt. Kevin reißt Thadius aus der Gefahrenzone.

 

KEVIN

Man! Hier gibt's keine Fähre mehr!  Weiter!

 

5. EXT In der noch schlafenden Altstadt von Mombasa.

Magere Hunde huschen durch die Straßen. Überall liegt Müll und Unrat.

 

THADIUS  (schnuppernd)

In ein paar Stunden beginnt der Gewürzmarkt. Dann würden wir noch nicht mal mit eitrigen Pestbeulen hier schnell durchkommen. An geschäftigen Tagen braucht man von einem Ende bis zum anderen mindestens zwei Stunden. Für mich war das ein Vorteil. Ich konnte jeden anbetteln - so oft ich wollte. Oft hab ich mich verkleidet. Manchmal hab ich mir ein Bein hochgebunden (er zieht eines seiner Beine hoch und spielt einen Krüppel). Oder das Gesicht angemalt.

 

KEVIN

Was? Du warst n' dreckiger Bettler?

 

 

THADIUS

Nun. Als mein Vater gestorben ist,  wollten ich und mein Bruder die Schreinerei ausbauen - zu einem Großbetrieb. Wir wollten Betten in Massenproduktion herstellen. Für all die neuen Hotels usw. Also haben wir Holz bestellt. Viel Holz. Und neue Maschinen. Einige. Und als wir gerade herausgefunden hatten, wie wir die Betten mit nur acht statt 18 Schrauben zusammenzimmern konnten, war das mit den Hotels auf einmal vorbei. Es kamen einfach keine Touristen mehr.

Wir durften die Betten behalten, alles andere haben wir an die Bank abgegeben.

 

KEVIN

Scheiße!

 

THADIUS

Ja. Immerhin brauchte ich dann nicht mehr die Sägespäne in allen möglichen Verstecken meines Körpers aufzustöbern. Statt dessen habe ich in den Taschen einiger Spaziergänger hin und wieder einige Geldscheine gefunden. Oft habe ich aber auch einfach nur der wunderbaren Straße zugeschaut. (träumerisch) Da war ein offener Sack Zimt. Sein Geruch hat mir zunächst mit scharfer Klinge das Bewusstsein gekitzelt und mich dann in Mysterien und Geheimnisse eingehüllt. Katzen strichen an meinen Beinen entlang während die bunten Schleier der Frauen meine Wangen zart berührten.

Sie kommen an einem Krankenhaus vorbei. Vor der Tür stehen einige Bettler Schlange. Sie sind ausgezerrt und haben Aussatz

Geschäftige Männer haben sich warme Lächeln und verstohlene Blicke zugeworfen. Und ab und zu blies ein kühler Meereshauch durch die Gasse. Aus den Lagern der Händler wurden dann neue Dufte beschworen. Tee, Kaffee, Muskat, Pfeffer und Safran. Der Staub fiel langsam wieder zu Boden bis ein neuer Windstoß oder ein ächzender Eselkarren ihn wieder aufwirbelte.

 

KEVIN schaut auf die Uhr. Es ist zehn vor sechs.

 

THADIUS

Was ist los? Hast Du einen stinkenden Fisch gefrühstückt? Warum machst Du den Mund nicht auf?

Mach dir um deine Schwester keine Sorgen. Sie ist jung und kräftig.

 

KEVIN

Bist du immer so lustig oder nur wenn du nicht auf deinem Ölfass hockst?

 

THADIUS

Ich sehe die Dinge besser wenn ich von ihnen erzähle. Und besonders klar sehe ich das worüber man lachen kann. Das heißt jetzt nicht, dass ich mir ständig vorstelle, was du zum Frühstück verschlingst.

 

6. EXT Irgendwo im Industriegebiet von Mombasa

Lagerhallen, Eisenbahnschienen, Arbeitersiedlungen

 

Kevin und Thadius irren durch die Gegend.

 

KEVIN  (murmelt verzweifelt vor sich hin)

Fünf Minuten. OK. Ok

 

THADIUS

Hast Du was gesagt?

 

KEVIN

Nichts!

 

THADIUS

Wo wohnt denn Dein lieber Bruder?

 

KEVIN

Im Hafen.

 

THADIUS

Wo sind wir jetzt?

 

KEVIN

In der Nähe.

 

THADIUS

Halte mal.

 

Kevin fährt noch ein bisschen weiter dann hält er. Er lehnt sich erschöpft gegen eine Wand während Thadius aufmerksam horcht.

 

 

THADIUS

Eindeutig. Dort ist der Hafen.

 

KEVIN

Ja. (horcht ebenfalls. Ironisch) Eindeutig da ist Swasiland. Na gut.

 

Sie steigen wieder auf und fahren in die von Thadius vorgeschlagene Richtung.

 

THADIUS

Ich höre schon das Marschieren der amerikanischen GIs. Wahrscheinlich sticht gerade einer der großen Zerstörer in See.

 

KEVIN

Es gibt keine GIs mehr in Mombasa.

 

THADIUS (ignoriert Kevins Einwand wie so

oft)

Jedes Mal wenn die GIs Ausgang hatten, haben wir ihnen ein riesiges Fest bereitet. All meine Mädels haben sich bis in die hinterste Ohrwindung herausgeputzt. Ich hatte vier Mädels und sechs Betten -noch aus meiner eigenen Fertigung. Die Betten natürlich. Halb Mombasa versammelte sich vor dem Hafen. Palmwedel wurden geschwenkt, Früchte flogen durch die Luft. Als die Herren dann aus von ihren Schiffen kamen, haben wir uns immer eine kleine Gruppe von ihnen herausgegriffen. Auf dem kurzen Weg zu meinem Zeltlager haben wir versucht ihnen möglichst viel Geld abzufeilschen und möglichst viel Palmwein mit Haschisch einzutrichtern.

Den lautesten haben meine vier Mädels als erstes mit in ihren rosa Himmel genommen. Auf jedem seiner Sinne spielten sie wie auf unterschiedlichen Trommeln. Mal im Gleichklang, mal in verschiedenen Lautstärken - oder in obskuren Durcheinander. Nach Monaten voller Stahl und Motorenlärm ist das selbst für den härtesten GI zu viel der Sinnlichkeit. Nach kurzer Zeit schlief er traum- und wunschlos ein. Meine Aufgabe unterdessen war nicht ganz leicht. Ich musste die restlichen wartenden GIs mit Trank, Lug und Gesang bei Laune halten. Also habe ich mich in einen Löwenjäger verwandelt und aus meinem Vater einen Vodoomagier gemacht. Ich hab kleine Zaubertricks vorgeführt und alte Swahili Lieder gesungen. Wenn ich gut war, schaffte ich es die GIs so lang zu unterhalten bis sie vom Schlaf übermannt wurden. An schlechten Tagen mussten mir doch meine Mädels zu Hilfe kommen.

Nun, sobald alle Soldaten weggetreten waren und ihr Geld in meiner Tasche schlummerte, haben wir die Zelte abgebrochen und sind hinunter zum Strand gezogen. Da haben wir unser eigenes Fest gefeiert. Ohne Tricks, Taktik und Geschichten haben wir uns aneinander berauscht.

Die GIs sind dann am nächsten Morgen ganz alleine aufgewacht. Manchmal haben wir sie beobachtet.. Da sie sich nicht genau erinnern konnten, meinten sie eine Nacht im Paradies verbracht zu haben. Und jeder hat versucht die anderen mit bunteren, schöneren Geschichten zu übertrumpfen.

 

 

7. EXT Vor dem Tor zum Kilindili Hafen

Das Tor steht offen. Aber eine Schranke und ein Polizist versperren den Weg.

 

KEVIN  (zischend)

Psst. Ruhig jetzt.

 

POLIZIST

Habt ihr eine Genehmigung?

 

Kevin zeigt den Arbeitsausweis seines Bruders vor.

 

POLIZIST (zu Thadius)

Und sie?

 

KEVIN (schnell)

Mmhhm. Das ist mein blinder Onkel. Er muss zum Arzt.

 

POLIZIST

Der Arzt ist aber heute gar nicht da.

 

KEVIN

Mhhm. Ja.

 

THADIUS

Ich möchte auch nicht zum Hafenarzt, sondern zu Dr. Crowe, einem amerikanischen Augenarzt. Er ist Passagier auf einem amerikanischen Frachter.

 

POLIZIST

Ach ja!?

 

KEVIN

Die Santa Monica.

 

POLIZIST (kramt in Papieren)

Na gut.

 

Er lässt sie passieren. Kevin schaut auf seine Uhr. Es ist Punkt sechs.

 

7.A EXT Auf dem Hafengelände

 

THADIUS

Warum hast Du ihm nicht gesagt, dass wir zu deinem Bruder wollen?

 

KEVIN

Ich hab halt manchmal Spaß am Lügen.

 

THADIUS

Nun ganz erlogen war das nicht. Ich war mal bei einem Augenarzt im Hafen. Meine Augen waren entzündet und voller juckender Knoten. Einige Freunde unter den GIs hatten mich bei Dr. Crowe angemeldet. Dr. Crowe war ein (ironisch) netter amerikanischer Arzt, der nur kurz in Mombasa zu Besuch war. Als ich ihm von meinem leicht verschleierten Blick  erzählt hab, schien er sofort zu wissen welche Geister er mir austreiben müsste. Er hat mir ein Medikament gegeben und gesagt damit würde es besser werden. Ich sollte ihn, wenn er wieder in Mombasa wär, noch mal besuchen. Aber es...

 

Er hört plötzlich auf zu sprechen. Die Erinnerung an das Erlebte schmerzt ihn. Seine Gute Laune ist verflogen.

 

8. EXT Am Quai Nr. 7

Die Santa Monica, ein großer amerikanischer Tabak Frachter, liegt noch vor Anker, ist aber bereits beladen und abfahrbereit.

 

KEVIN

Hier müsste mein Bruder sein. Warte bitte kurz.

 

Er drückt Thadius das Tandem in die Hand und rennt zur Santa Monica. Über eine Brücke gelangt er auf das Schiff.

 

9. EXT An Deck der Santa Monica

Kevin spricht einen Matrosen an - ein großer weißer Amerikaner.

 

KEVIN

Wo finde ich den Bootsmann - Eddie?

 

MATROSE

Am Bug.

 

Kevin läuft an der Reling entlang nach vorne. Ab und zu schaut er zu Thadius hinüber. Dann entdeckt er den Bootsmann, der gerade dabei ist einige Taue aufzurollen.

 

KEVIN (leise)

Hallo. Entschuldige.

 

BOOTSMANN

Du hättest uns fast verpasst. Hast Du das Zeug?

 

Kevin nimmt einen großen Beutel aus seinem Rucksack und öffnet ihn. Er ist voll mit wunderschönen Korallen.

 

BOOTSMANN (den Beutelinhalt durchwühlend)

OK. Stell Dich da hinten unauffällig hin. Es kann noch ein bisschen dauern. Ich zeig Dir dann, wo du schlafen kannst.

(Pause)

Ach. Wir werden übrigens doch nicht in San Francisco ankommen, sondern in Los Angeles. Aber das ist ja egal für dich.

 

Kevin nickt eingeschüchtert.

 

Der Bootsmann verschwindet mit dem Beutel.

Kevin schaut ihm nachdenklich hinterher. Er ist sich seines Entschlusses auszuwandern nicht mehr so sicher.

Grübelnd stellt er sich hinter ein Rettungsboot und wartet. Er sieht Thadius zu, der verloren am Quai steht und immer noch das Tandem hält. Es tut ihm auf leid, dass er den alten Mann so angelogen hat. Schließlich beschließt er wenigstens ihm kurz Lebwohl und die Wahrheit zu sagen. Über den Steg am Bug rennt er zurück zum Quai.

 

10. EXT Am Quai Nr. 7

Das Tandem liegt am Boden. Thadius ist verschwunden. Kevin beginnt nach ihm zu suchen und entfernt sich dabei immer weiter von der Santa Monica.

 

KEVIN

Thadius! Thadius.

Hey!

Mein Bruder ist nicht hier. Ich hab dich belogen.

 

Plötzlich ertönt ein lautes Motorengeräusch. Kevin dreht sich um. Er sprintet zur Santa Monica zurück. Als er sie erreicht sind die Brücken bereits eingeholt und die Leinen los. Er schreit die Matrosen an. Niemand beachtet ihn. Er steigt aufs Tandem und fährt auf eine längere Hafenmole hinaus. Der Frachter ist bereits mitten in der Fahrrinne des Kilindini Hafens. Wütend schmeißt er das Tandem hin, setzt sich auf die Quaimauer und blickt dem Schiff nach. Die Sonne ist mittlerweile aufgegangen. Langsam beruhigt er sich. Er lächelt, hebt das Tandem auf und fährt Richtung Hafentor.

 

 

11. EXT Vor dem Hafentor (ohne Ton)

Ein eigenartiges buntes Licht scheint durch das Hafentor. Kevin staunt als er vor dem Tor eine riesige Menschenmenge trifft. Hübsche Frauen, die Palmen schwenken. Obstverkäufer und bemalte Tänzer - wie in Thadius Erzählung über das Fest mit den GIs. Die Farben sind jedoch unnatürlich bunt und grell. Fröhlich fährt Kevin durch die jubelnde Menge und weiter auf dem gleichen Weg, wie er gekommen war.

 

12. EXT Altstadt von Mombasa (ohne Ton)

In der gleichen Straße wie vorher herrscht nun das rege Treiben des Gewürzmarktes. Alles ist genauso, wie von Thadius beschrieben; schön, spannend und geheimnisvoll, hier und da aber ein wenig unwirklich.

Kevin fährt mitten durch die enge Straße. Frauen werfen ihm verführerische Blicke nach, Händler winken ihn zu sich.

 

13. EXT Kurz vor Fähre zum Festland (ohne Ton)

Kevin fährt eine volle Straße hinunter, die seltsamerweise nicht zur Brücke, sondern zur eigentlich nicht mehr existenten Fähre hinunterführt. Neben ihm fährt ein Wagen, beladen mit holzgeschnitzten Betten. Durch einen Hauseingang sieht man eine Gruppe von Frauen, die eine Braut für die Hochzeit vorbereiten. Sie winken Kevin zu.

An der Fähre warten Hunderte von Menschen - alle in sich unterhaltend, handelnd oder flirtend. Gerade als Kevin ankommt, legt auch die Fähre an.


14. EXT Auf der Fähre (ohne Ton)

Kevin blickt aufs Meer hinaus. In der Ferne erkennt man die Santa Monica.

 

15. EXT An Deck der Santa Monica

Thadius steht auf dem Heck hinter einem großen Kran. Die Besatzung hat ihn noch nicht entdeckt. Ungläubig und zugleich begeistert fühlt die Luft um sich herum und geht bei jedem Heben und Senkens des Schiffs mit. Er hat sich gegen Osten gewandt, wo die Sonne mittlerweile prall am Himmel steht.

 

 

 

ENDE