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Gorillapo im Maschinenraum Drucken E-Mail

-Ziemlich mollig ist sie geworden, dachte Herr Gritzbach, während er seine Frau musterte, die auf dem Bauch neben ihm lag. Früher ging sie schon im Frühling einen neuen Bikini kaufen, natürlich zusammen mit mindestens drei Freundinnen. Heute wartet sie bis September, bemerkt, dass der vom letzten Jahr nicht mehr passt und dann ist die Badezeit auch schon vorbei. Er grinste zynisch und merkte nicht, dass er seinerseits eingehend betrachtet wurde.

-Wieso muss der so weit oben sitzen? Weil er hässlich ist? fragte sich ein kleines Mädchen, das zwei Bänke weiter unten gegenüber des Ofens saß. Ihre Mutter hatte ihr erzählt, dass die Sauna schön macht. Sie wollte ihren Vater fragen, doch der hatte sich abgewandt und schaute unauffällig über die Lehne seiner Bank auf eine junge Frau.
-Wow! Jetzt weiß ich, warum Hilde die mir nicht früher schon mal vorgestellt hat. Schnell schaute er hinüber zu seiner Frau. Sie schien sein Spinksen nicht bemerkt zu haben. Hilde war jedoch nur scheinbar am dösen. Zwischen ihren angewinkelten Beinen hindurch schaute sie ebenfalls auf die junge Frau. Träumerisch wanderte ihr Blick über ihre Nase, Lippen und Schamhaare.
-Ich werd's Franz sagen müssen - und auch Sophie. Nur wie? Sophielein, deine Mama ist eine Lesbe! Oder etwa: Sophie, das ist Tante Kerstin. Kerstin ist eine ganz besondere Tante..
Sophie war inzwischen auf die zweite Bank geklettert und staunte.
-Ein Affe saß neben ihr. Sein Po war nicht rot, vielleicht ein Gorilla, folgerte sie. Der mag das bestimmt, wenn es so heiß ist.
Der, den Sophie für einen Affen gehalten hatte, rieb sich den Schweiß aus der Stirn und blickte zur roten Sanduhr.
-Scheiße. Scheiße. Finnische Sauna, Blockhaussauna, indianisches Schwitztippi, Steinglühhastenichtgesehen, Jasmin-Dampfbad, Alpenmistkraxelhütte und jetzt noch mal die normale, weil ja gleich so n' toller Minzeaufguss kommt. Alles nur, weil er gestern nicht konnte und seine Schatz direkt meinte, hey, du verspannst dich wieder.
Sein Schatz saß natürlich ganz oben. Wohlgefällig blickte sie auf den breiten Rücken ihres Freundes herunter und überlegte:
-Die Venus im Trigon zum Krebsmond und Mars im Sextil. Esther hat es auch gespürt und heute Morgen war seine Aura orange-aggressiv. Jetzt klappt es mit meinem Löwenbaby.
Sie schloss die Augen, zog die beißende Luft ein und warf ihren Kopf zurück. Dabei stieß sie an eine hölzerne Kopfstütze, worauf ihr liegender Nachbar kurz aufschaute und an seine Tochter erinnert wurde... an seine Sekretärin...an sein Fitnessprogramm?

Mir fiel nichts Passendes ein. Sein Gesicht war völlig leer und ausdruckslos und durch den Spalt ohnehin nicht gut zu erkennen. Vielleicht würde mir der Rest seines Körpers weiterhelfen. Ich reckte meinen Kopf nach oben und bog das lose Brett noch etwas weiter von der Wand ab. Der Spalt vergrößerte sich. Dabei hatte ich aber die Lampe vergessen, die etwas weiter unten an dem losen Brett befestigt war. Ihre Befestigungsschrauben rissen aus dem Holz und sie krachte herunter. Panisch steckte ich Papier und Stift in die Hose und öffnete langsam die Tür des Maschinenraums, der direkt neben der Sauna lag. Es war zu spät. Der, den ich Franz genannt hatte, war bereits aus der Sauna gestürzt und stand genau vor der Tür. Einen kurzen Moment schauten wir uns verdutzt an, dann schrie er los:
»Hier ist der Spanner. Ich hab ihn!«
Ich trat zurück in den Maschinenraum und knallte die Tür wieder zu. Gleich würden Klaus oder Martin, wer auch immer gerade Saunaaufsicht machte, die Tür aufschließen und ich wäre erledigt. Ich nahm also einen Schraubenzieher, Spannungsprüfer und einige Werkzeuge und begann genau da, wo der Spalt war, zu werkeln. Draußen wurden die Stimmen immer aufgeregter.
»Das gibt's ja nicht.«
»Bestimmt ist das so n' ganz perverser.«
»Der hat's sicher auf Kinder abgesehen.«
Schließlich hörte ich Schlüsselgerassel und Klaus stieß die Tür auf. Hinter ihm standen die Leute aus der Sauna - vom Herrn Gritzbach bis zur kleinen Sophie - alle in eilig umgewickelten Handtüchern und Bademänteln.
»Was ist denn los, Bernd?«
Klaus war sichtlich erstaunt, mich zu sehen. Er wusste ja, dass ich eigentlich keine Schicht hatte. Ich setzte ein Lächeln auf und ging Schraubenzieher in der einen, Spannungsprüfer in der anderen Hand, selbstsicher auf ihn zu.
»Es tut mir leid. Ich habe eine Leitung repariert und dabei ist mir n' Brett verkantet. Hat also mit Spannung zu tun aber nichts mit spannen. Sorry.«
Ich lachte jovial und schaute mit offener Miene in die Runde. Sie waren abgeschreckt - keine Frage. Selbst Klaus schien, mir glauben zu wollen. Er drehte sich der kleinen Menge zu und begann beruhigend zu erklären, als würde er einen Kamillenaufguss machen:
»Das ist Bernd Füssen - unser Techniker. Er kümmert sich um die Wartung, normalerweise außerhalb der Öffnungszeiten. Aber wenn etwas sehr Dringendes anfällt muss er auch schon mal zwischendurch ran. Sonst würde der Betrieb ganz flach fallen. Bitte entschuldigen sie dieses Missgeschick und Missverständnis.«
Die Leute beruhigten sich und einige fingen sogar an zu lachen. Das war knapp, dachte ich und wollte mich schon wieder meiner angeblichen Arbeit zuwenden. Doch plötzlich schubste mich jemand von der Seite.
»Und was ist das?«
Franz hatte das beschriebene Blatt Papier entdeckt und es mir kurzerhand aus der Hose gerissen. Aufgeregt schrie er mich und die Übrigen an:
»Von wegen Leitung repariert. Der schreibt Pornos!«
Die kleine Gruppe hatte mit einem Mal Scherz und Entspannung vergessen. Aufgeregt drängten sich alle um das Blatt Papier. Klaus warf mir einen wütenden Blick zu, während Franz sich, wie ein Staatsanwalt anklagend, aufgebaut hatte. Wollen wir doch mal sehen, sagte er angewidert und fing an, das von mir Aufgeschriebene vorzulesen:
»Ziemlich mollig ist sie geworden, dachte Herr Gritzbach, während er seine Frau musterte, die auf dem Bauch neben ihm lag...«
Zu meinem Erstaunen wendeten sich bereits nach dem ersten Satz alle Blicke von mir ab. Suchend schauten die Leute untereinander hin- und her, bis sie sich einig waren, wer Herr Gritzbach und seine mollige Frau sein müssten.
»Das gibt's ja gar nicht. So denken sie vielleicht über ihre Frau. Ich hab so einen Klatsch nicht nötig!« schrie Herr Gritzbach, als er merkte, dass alle Augen auf ihn gerichtete waren.
Zu seinem zusätzlichen Ärger schien seine Frau die Sache mit Humor zu nehmen:
»Das wäre ja genauso wie mit deinen Schuhen, den ganzen Winter trägst du das gleiche Paar und im Frühling, wenn deine Erkältung weg ist, merkst du dann, dass es müffelt wie sonst was. Aber dann ist ja Gott sei Dank schon Sandalenzeit.«
Die anderen lachten und Herr Gritzbach begann, mit vorwurfsvoller Miene seiner Frau etwas zuzuflüstern. Dann stand die kleine Sophie im Mittelpunkt, die, wie ich auf ihrem Bademantel las, in Wirklichkeit Anna hieß. Sie genoss die allgemeine Aufmerksamkeit, ohne genau zu verstehen, um was es eigentlich ging. Ihre Mutter wollte sie auf den Arm nehmen, doch sie flüchtete zu ihrem Vater, der gerade widerwillig aus meinem Text über sich selber vorlas.
»Komm zu mir Anna, dein Vater interessiert sich sowieso mehr für die Julia« sagte Hilde scherzhaft. Als sie aber im nächsten Satz als Lesbe bezeichnet wurde, verschwand das Lächeln aus ihrem Gesicht.
»Hast du mich wirklich so angesehen?« wurde sie von Julia gefragt.
Nach und nach begann eine halb scherzhafte, halb ernste Diskussion über die mögliche Dreiecksbeziehung zwischen Franz, Hilde und Julia, an der sich auch die von mir als Hobbyastrologin eingeschätzte Frau beteiligte. Franz, dem die Spekulationen sichtlich peinlich waren, versuchte sich heraus zu halten, in dem er stur meinen Text weiter vorlas, dadurch aber die Unterhaltung mit dem Thema Kinderkriegen weiter anstachelte. Schließlich lachten, argumentierten und spotteten alle wild durcheinander.
Früher oder später würden sie sich daran erinnern, wer ihnen das alles eingebrockt hatte, dachte ich und bewegte mich langsam an der Wand entlang Richtung Tür. Ich wartete einen günstigen Augenblick ab, duckte mich und huschte aus dem engen Raum heraus. Dann hastete ich unauffällig und so schnell ich konnte zum Ausgang.
Ich wollte gerade mein Fahrrad besteigen, als sich plötzlich eine Hand auf meine
Schulter legte:
»Sie wollen doch bestimmt wissen, worüber ich in der Sauna nachgedacht habe - ich meine, bevor sie entdeckt wurden.«
Es war der Mann zu dem mir nichts Passendes eingefallen war. Sein Blick senkte sich, dann schaute er mich lächelnd an.
»Sie werden's nicht glauben, aber ich habe gedacht, wie phantastisch es wäre, alleine hinter einer Saunawand zu stehen und durch einen Spalt, jeden einzelnen genau zu beobachten.«

 

Tintoretto: Vulkan überrascht Venus und Mars, München, Alte Pinakothek