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Neue Version!! Jetzt mit kritischen Anmerkungen!!!
Eines Tages schlugen die Bücher zu. Überall. Wo auch immer ein offenes Buch lag oder gelesen wurde, war es im nächsten Moment fest verschlossen. Heilige Schriften in Kirchen, Schundromane an Bushaltestellen, Klassiker in bürgerlichen Wohnzimmern, Formelsammlungen in Instituten, Wörterbücher in Strandcafés. Einige (besonders Schul- und Gesetzbücher) klappten sogar so heimtückisch und brutal zu, dass sie ihren Lesern die Finger einquetschten.
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Man versuchte die Bücher wieder aufzuschlagen, aber ob gelesen oder ungelesen, die Buchdeckel und Seiten pressten so fest aufeinander, dass selbst Herden von Bodybuildern und Weltraumrobotern sie nicht aufzureißen vermochten.
Schließlich wurden die Literaturnobelpreisträger um Rat gefragt. Sie murmelten etwas von „Verantwortung“ und „Weisheit“ konnten aber selbst ihre eigenen Bücher keinen Spalt weit öffnen.
Das war für alle traurig und schlimm. Am allertraurigsten und am allerschlimmsten war es aber für die Buchhändler. Von einem Tag auf den anderen endete ihr Geschäft. Einige schlossen ihre Läden sofort, andere verkauften die verschlossenen Bücher als Brennmaterial oder bauten sie zu Möbeln zusammen.
Nur eine Buchhändlerin wollte nicht aufgeben. Sie stieg auf eine Leiter und stellte sich lächelnd vor eine Reihe besonders ernster und wichtiger Bücher („ Gesellschaftstheorie und Kulturkritik “ oder das „Kunstwerk in Zeiten seiner technischen Reproduzierbarkeit“…) . Lange Zeit blieben die Bücher stocksteif und mit aufeinandergepressten Seiten stehen. Aber das Lächeln der Buchhändlerin war so natürlich und ansteckend, dass sie schließlich nicht mehr still halten konnten. Erst begannen ihre Umschläge zu flattern dann öffneten sich ihre Deckel zu einem zaghaften Lächeln. Als die übrigen Bücher nun sahen, wie die ernsten Werke zum ersten Mal lächelten , konnten auch sie nicht mehr an sich halten. Sie sprangen auf und lachten lauthals los, bis alle Bücher in dem Laden vor Freude raschelten.
Als man davon hörte, kamen die Menschen in Strömen zu dem kleinen Buchladen und die Buchhändlerin verkaufte jedem ein Buch. Sobald die Bücher aus dem Laden neben anderen Büchern standen, steckten sie diese mit ihrem Lachen an und so waren bald alle Bücher wieder offen.
Die Buchhändlerin aber hatte ein gutes Geschäft gemacht und alle ihre Bücher verkauft.
Kritische Anmerkungen
Hollywood
Unter dem Titel „Die Bücherflüsterin“ kommt das Märchen bald auch ins Kino.
Geschichtlicher Hintergrund
Das Märchen stammt ursprünglich aus Tagträumen einiger Benediktiner Mönchen im 12. Jahrhundert n. Chr, die man als Kritzeleien auf einigen ihrer Pulte entdeckte. Während des jahrelangen Abschreibens von feuchten Wälzern bei Funzellicht und Eiseskälte wäre ihnen nichts eine größere Erlösung gewesen als das sofortige Zuschlagen aller Bücher. Die Figur der Buchhändlerin und das glückliche Ende wurden erst in der Bearbeitung von einigen romantischen Sturm und Drang Dichtern im 19. Jahrhundert hinzugefügt.
Geht ja gar nicht
Ein Buch kann eigentlich gar nicht von selbst zuklappen. Es kann höchstens versiegelt werden, wie das berühmte Buch mit sieben Siegeln. Und an dem würde sich jede Buchhändlerin die Zähne auslächeln.
Der Teufel steckt im Detail
Hätte der erste Satz gelautet „Eines Tages schlugen die Bücher an.“, würde der Autor noch immer darüber nachdenken, wie sich das Bellen einer „ Gesellschaftstheorie und Kulturkritik “ anhört.
Realitätsbezug
Ein japanischer Millionär, der das Märchen für eine wahrscheinliche Prophezeiung hält, hat bereits über 100 Millionen Bücher aufgekauft und aufgeschlagen in einer Fabrikhalle aufstellen lassen. Jedes Buch ist an einen Generator angeschlossen, der durch die Kraft des Zuschlagens angetrieben wird. Etwa 7 Milliarden Volt sollen so auf einen Schlag freigesetzt werden. Mit der gewonnen Energie möchte der Japaner einer Frau imponieren.
Variationen
Es gibt angeblich eine britische Sketch/Comedy-Version des Märchens, in der nicht alle Bücher, sondern alle Klodeckel der Welt zur gleichen Zeit zuschlagen.
Biertischdeutung
Reicht für n' Kölsch und ne halbe Kippe. Oder einmal Speisekarte lesen.
Sozialkritisches Gesellschaftsportrait
Das Zuschlagen der Bücher wird von Einigen als Ausdruck der sterbenden Lesekultur unter heutigen Jugendlichen verstanden. Angesichts von abstumpfenden Freizeitangeboten und kreativitätshemmenden Hightech-Spielzeug („Herden von Bodybuildern und Weltraumrobotern“) verschließt sich der Geist der Jugend dem intellektuellen Anspruch eines Buches. Die Buchhändler/innen sollen nun endlich gegenhalten und auch ernste Bücher mit einem Lächeln anpreisen.
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